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Ich tötete den Che
Víctor Montoya
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(Übersetzung:
Margrit Klingler-Clavijo)
Als ich den Befehl erhielt, den
Che zu beseitigen aufgrund eines Beschlusses des Hohen Militärkommandos von
Bolivien, machte sich Angst in meinem Körper breit, als würde ich innerlich
entwaffnet. Ich begann von einem Ende zum anderen zu zittern und wollte in die
Hosen pinkeln. Manchmal war die Angst so groß, dass ich nur noch an meine
Familie zu denken vermochte, an Gott und die Jungfrau Maria.
Ich muss jedoch gestehen, dass ich
ihn beneidete, seit wir ihn in der Schlucht von Churo festnahmen und nach La
Higuera brachten und Lust hatte, ihm das Leben zu nehmen. So hätte ich
wenigstens die enorme Befriedigung, in meiner Karriere als Unteroffizier endlich
auf einen wichtigen Mann zu schießen, nachdem ich viel zu viel Pulver in
Hühnerhöfen verschossen hatte.
An dem Tag, an dem ich das
Klassenzimmer betrat, in dem der Che war, auf einer Bank sitzend, den Kopf nach
unten gebeugt und die Mähne, die sein Gesicht umriss, nahm ich zuerst ein paar
Schluck Alkohol, um mir Mut anzutrinken und sodann der Verpflichtung
nachzukommen, ihn umzulegen.
Der Che, kaum dass er meine
Schritte vernommen hatte, die sich der Tür näherten, stand auf, hob den Kopf und
warf mir einen Blick zu, wodurch ich einen Augenblick lang ins Schwanken geriet.
Sein Aussehen war beeindruckend, wie das eines charismatischen und zu
fürchtenden Manns, seine Kleidung war abgetragen und das Gesicht bleich von den
Entbehrungen in der Guerilla.
Nachdem ich ihn auf der Seite
hatte, nur ein paar Meter vor meinen Augen, stöhnte ich tief und spuckte auf den
Boden, während mir der kalte Schweiß ausbrach. Als der Che mich so nervös sah,
die Hände um die M2 geklammert und die Beine in Schießposition, wandte er sich
ruhig an mich und sagte:
Schieß. Keine Angst. Du wirst nur einen Mann töten.
Seine vom Tabak und Asthma rau
gewordene Stimme dröhnte mir in den Ohren, während seine Worte eine merkwürdige
Empfindung aus Hass, Zweifel und Mitleid hervorriefen. Er verstand nicht, wie
ein Gefangener, abgesehen davon, dass er ruhig seine Todesstunde erwartete, das
Gemüt seines Mörders beruhigen konnte.
Ich erhob das Gewehr zur Brust und
gab womöglich, ohne den Gewehrlauf darauf zu richten, die erste Salve ab, die
ihm die Beine zerschoss und ihn zerriss, ohne Klagen, ehe er von der zweiten
Salve zwischen die auseinander fallenden Bänke niedergestreckt wurde, die Lippen
halb geöffnet, wie im Begriff, mir etwas zu sagen und die Augen, die mich noch
von der anderen Seite des Lebens her anschauten.
Nachdem ich den Befehl ausgeführt
hatte und während das Blut in die festgestampfte Erde rann, verließ ich das
Klassenzimmer und ließ hinter mir die Tür offen stehen. Der Einschlag der
Schüsse bemächtigte sich meines Geistes und Alkohol rann mir durch die Adern.
Mein Körper zitterte unter der olivgrünen Uniform und mein getupftes Hemd war
von Angst, Schweiß und Pulver durchtränkt.
Seitdem sind viele Jahre
vergangen, doch ich erinnere mich an diese Begebenheit, als ob sie gestern
gewesen wäre. Ich sehe den Che mit seinem beeindruckenden Äußeren, dem wilden
Bart, dem gekräuselten Haar und den großen Augen, so klar wie die Unendlichkeit
seiner Seele.
Die Erschießung des Che war die
größte Dummheit meines Lebens und wie Sie verstehen werden, fühle ich mich nicht
wohl, wie von einem Schatten verfolgt. Ich bin ein niederträchtiger Mörder, ein
unverzeihlicher Schurke, einer, der nicht stolz herausschreien kann:
Ich habe den Che umgebracht!
Das würde mir keiner glauben, nicht einmal die Freunde, die sich über meine
falsche Tapferkeit lustig machen und mir entgegnen, dass er lebendiger denn je
ist.
Am Schlimmsten ist jedoch, dass
mich an jedem 9. Oktober, nachdem ich gerade aus diesem fürchterlichen Alptraum
erwacht bin, meine Kinder daran erinnern, dass der Che aus Amerika, den ich
glaubte, in der kleinen Schule von La Higuera getötet zu haben, eine im Herzen
der Menschen brennende Flamme ist, weil er zu dieser Kategorie Mensch gehörte,
deren Tod ihnen mehr Leben verleiht, als sie zu Lebzeiten hatten.
Hätte ich das gewusst, im Licht
der Geschichte und der Erfahrung, hätte ich mich geweigert, den Che zu
erschießen und so mit meinem Leben für den Vaterlandsverrat zahlen müssen. Doch
es ist zu spät, viel zu spät…
Manchmal, wenn ich nur seinen
Namen höre, spüre ich, dass mir der Himmel auf den Kopf fällt und mir die Welt
unter den Füßen weggerissen wird und in einem Abgrund versinkt. Manchmal, so wie
jetzt, kann ich nicht weiterschreiben; die Finger verkrampfen sich, das Herz
pocht in meinem Innern, und die Erinnerungen quälen mich, als ob sie mir aus
meinem tiefsten Inneren zuschrien:
Mörder!
Daher bitte ich Sie, diese
Erzählung zu beenden, denn wie auch immer das Ende sein mag, wissen Sie
bestimmt, dass der moralische Tod schmerzlicher als der körperliche Tod ist und
dass der Mann, der tatsächlich in La Higuera starb nicht der Che war, sondern
ich, ein einfacher Unteroffizier des bolivianischen Heeres, dessen einziger
Verdienst ist, so man denn von einem Verdienst reden kann, auf die
Unsterblichkeit geschossen zu haben.
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VÍCTOR MONTOYA
nació en La Paz (Bolivia), en 1958. Su infancia y primera juventud discurrieron
en el pueblo minero de Siglo XX-Llallagua, al norte de Potosí, donde se
descubrió la veta de estaño más grande del mundo. En 1976 fue perseguido,
torturado y encarcelado. Permaneció en el campo de concentración de Chonchocoro-Viacha
hasta que, en 1977, fue liberado tras una campaña de Amnistía Internacional.
Desde entonces reside en Suecia donde se dedica profesionalmente a la escritura.

Original en castellano
Versión en francés de este relato
/
En inglés

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